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Mein Wechsel von iOS zu Android (und zurück?)

Kennen Sie das?

…wenn man von einer Sache so sehr begeistert ist, dass sie einen packt, nicht mehr los lässt, den Hinterkopf bevölkert, sich immer wieder nach vorne drängt und man immer mehr erkennt, dass man nie wieder glücklich wird, bis man diese Sache endlich besitzt, bei ihr mitmacht, ein Teil von ihr ist? Ja? Nun, mir erging das auch so.

Auf dem MobileCamp 2013 besuchte ich eine Session zu Googles Augmented-Reality-Spielplatz „Ingress„. Dabei handelt es sich um ein Geocaching-ähnliches Spiel eingebettet in eine futuristische Story irgendwo zwischen „Die Körperfresser kommen“ und „Matrix“. Mich als Science-Fiction-affinen Nerd hat das Konzept augenblicklich gepackt und so sehr begeistert, dass ich nichts mehr wollte, als da unbedingt mitzumachen.

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It’s time to move!

Doch so einfach ist das nicht! Momentan läuft das Spiel offiziell nur auf dem Betriebssystem Android, somit scheiden iPhone und iPad schon mal aus. Stolperstein Nummer 2: man benötigt eine Einladung zum Spiel, einen sogenannten „Invite“. Dieser ließ sich in der MobileCamp-Community glücklicherweise schnell auftreiben.

Es blieb jedoch die technische Schranke: mein iPhone 4 wird die Android-App nicht akzeptieren, zumindest nicht ohne den Einsatz von schwarzer Magie. (NACHTRAG: Es scheint sie inzwischen tatsächlich zu geben, die schwarze Magie)

Google Nexus 4

Google Nexus 4, Quelle

Ich fasste also als langjähriger iOS-Nutzer den gewagten Entschluss, mir ein Android-Gerät zuzulegen. Neben dem offensichtlichen USP, endlich „Ingress“ spielen zu können, wollte ich ganz nebenbei und quasi automatisch auch mal das Design und die User Experience (UX) von Android testen und mit iOS vergleichen. Als Interactive Designer und UX-Enthusiast sollten bei diesem Selbsttest mein fachliches und privates Interesse zusammen kommen.

Ich brauchte also ein Smartphone, das mir das ursprüngliche und „reine“ Android von Google bietet und keines, was von einer Firma „böswillig“ umgebrandet wurde. Ich wollte ja das pure Android-Erlebnis, so wie es von Google gemeint ist. Somit entschied ich mich letztendlich für das NEXUS 4 von Google.

Seit einigen Wochen spiele ich nun Ingress es macht mir einen Riesenspaß. Angenehmer Nebeneffekt: ich bewege mich viel mehr an der frischen Luft als vorher, quasi schon eine Verbesserung gegenüber iOS, wenn man so will. Ganz nebenbei nutze ich nun auch  Android OS in der Version 4.2.2.

Was soll ich sagen? Es ist ein gutes Design, wenn sich die Entwickler und Designer wirklich an die Vorgaben von Google für Android-Entwicklung halten, was leider hier und da nicht der Fall ist.

Wenn man, wie ich, von iOS migriert, sind 3 Dinge erst einmal etwas verwirrend:

1. Home Screen und App Drawer

Homescreen und App Drawer

Homescreen (l.) und App Drawer (r.)

Eine Sache, die es bei iOS nicht gibt, ist der so genannte App Drawer – quasi eine alphabetische Liste aller installierten Apps.

Dort kann man die App-Icons nicht verschieben oder nach seinen Wünschen platzieren, jedenfalls nicht im „puren“ Android. Das Verhalten ändert sich je nach gewähltem (frei installierbaren oder vom Hersteller gebrandeten) Launcher. Diese kleinen Unterschiede von Gerät zu Gerät kann man sowohl als Fluch als auch als Segen interpretieren. Zum einen erschwert es die androidübergreifende intuitive Bedienung, die Apple mit iOS sehr aktiv anstrebt, zum anderen ermöglicht es jedem Nutzer, sein Telefon an seine eigenen Vorlieben anzupassen.

Als Alternative für die Platzierung von favorisierten Apps bietet Android die sogenannten Homescreens. Auf ihnen lassen sich App-Icons nach eigenen Wünschen anordnen und ähnlich wie in iOS in Ordnern zusammenführen.

Ein wesentliches Feature des Homescreen bei Android sind die Widgets. Diese zeigen schnelle Informationen wie Uhrzeit, Termine, Wetter, etc. ohne erst die entsprechende App starten zu müssen. So etwas gibt es bei iOS bisher nicht, wobei ich der Meinung bin, sie auch nicht zu vermissen, wenn ich Android wieder den Rücken kehren würde.

2. Die Softkey-Leiste

Softkeys

Softkeys

Am unteren Rand des Bildschirms im Portrait-Modus bzw. am rechten Seitenrand im Landscape-Modus befindet sich die sogenannte Softkey-Leiste.

Auf dieser Leiste befinden sich drei Icons (oder besser, Piktogramme) mit verschiedenen Funktionen. Mittig angeordnet führt der „Home-Button“ den Nutzer zurück auf den ersten Homescreen, unabhängig davon, an welcher Stelle, in welcher App oder welchem Menü man sich zu dieser Zeit befindet.

Rechts befindet sich ein Button der eine Art Taskmanager aufruft. Dort werden untereinander alle aktiven Apps aufgelistet durch die per vertikalem Scrolling navigiert werden kann. Das seitliche „Herauswischen“ eines Eintrags entfernt die betreffende App aus der Liste. Dabei wird sie aber nicht geschlossen. Android schließt länger nicht benutzte Apps automatisch.

Ganz links befindet sich die Funktion, die mich als iOS-User am meisten irritierte. Es handelt sich dabei um eine „Zurück“-Funktion. Diese geht immer einen Schritt bzw. Screen zurück sowohl im App- als auch im Systemkontext. Befindet man sich also irgendwo in einer App und drückt mehrmals dieses Icon, landet man irgendwann auf den Homescreen. Wurde man von einer App, etwa über einen Link, in eine andere App wie z.B. den Browser geschickt, kommt man durch diesen Button wieder zurück in die Ausgangs-App. Hat man das (im iOS derzeitig nicht vorhandene) Prinzip einmal durchschaut und verinnerlicht, entpuppt sich die Funktion als sehr nützlich.

3. Die Zurück-Funktion in der App Leiste

Zurück-Button (Android)

Zurück-Button (Android)

Für den iOS User auf den ersten Blick eine vertraute Funktion: der Zurück-Button links oben innerhalb einer App. Für einen iOS-Migranten ist hier jedoch Vorsicht geboten. Dieser führt nämlich nicht immer wie gewohnt innerhalb der App einen Schritt bzw. Screen zurück, sondern katapultiert den Nutzer auch manchmal einfach so zurück auf die „Startseite“ einer App. Laut Android GUI Guide handelt es sich hierbei um die „Up“-Funktion, die statt „Zurück zum letzten Screen“ eher so etwas wie „einen Schritt zurück/nach oben in der Hierarchie“ aussagen soll. Für mich bleibt das auf jeden Fall bis jetzt immernoch verwirrend und nicht immer erfüllt die Funktion das, was sie erwartungsgemäß tun sollte.

Zurück-Button (iOS)

Zurück-Button (iOS)

Nach anfänglich starker Frustration gewöhnte ich mich relativ schnell daran, stattdessen die in Punkt 2 genannte Softkeyfunktion zu verwenden, um mich in Einzelschritten zurück zu bewegen. Diese Gewohnheit geht inzwischen soweit, dass ich mich regelmäßig dabei ertappe, mein iPhone (ja, auch das benutze ich noch) links unten neben dem Homebutton zu malträtieren, um dann wieder daran erinnert zu werden, dass dort ja gar kein Button ist.

Was zeigt uns das?

Diese drei kurzen Beispiele zeigen in meinen Augen, wie unterschiedlich die, auf den ersten Blick doch sehr ähnlich aufgebauten, mobilen Betriebssysteme doch sind. Der Teufel steckt gerade bei diesem absichtlich sehr ähnlichen User Interface in den kleinen aber feinen Unterschieden der Nutzerführung. Ein Wechsel des Systems, egal in welche Richtung, wird immer Verwirrung hervorrufen, jedoch wird sich jeder früher oder später an die Eigenheiten des neuen Systems gewöhnen und trotzdem mit Sicherheit auch Features des alten Systems schmerzlich vermissen.

Wechselt man jedoch zu einem absichtlich völlig andersartigen System wie z.B. Windows Phone kann die Erfahrung schon wieder ganz anders aussehen. Müssen zwangsläufig völlig andere Bedienparadigmen erlernt werden, fallen oben genannte Kleinigkeiten möglicherweise weniger ins Gewicht und die Bereitschaft zur Adaption ist von vornherein höher (alternativ kann natürlich auch völlige Verzweiflung, Ablehnung und Depression auftreten, hier spreche ich aber nicht aus Erfahrung).

Aus diesem Erfahrungsbericht sollte hervorgehen, warum ich plattformübergreifende App-Entwicklung eher skeptisch sehe. Ich finde es in der heutigen Zeit essentiell, Apps auf die UX- und UI-Konzepte des Zielsystems zu optimieren, um dem Nutzer ein konsistentes Bedienerlebnis über die Grenzen der eigenen App zu gewährleisten. Gerade bei formular- und menülastigen Apps verwirrt man den Nutzer unnötig, wenn man ein User Interface präsentiert, das er nicht intuitiv bedienen kann. Frameworks wie PhoneGap, die das selbe UI auf verschiedenen Geräten verwenden haben in meinen Augen in diesem Punkt extreme Schwächen, selbst wenn sie in erster Instanz erst einmal größere Zielgruppen abdecken.

In Zeiten, in denen sich fast alle Branchen in den App Stores mit eigenen Anwendungen präsentieren müssen, um am Markt mitzuhalten, gewinnen vor allem innovative, nützliche Features und eine angenehme Bedienung.

Noch einmal zurück zu Android

Seit der Version 4 hat das System auch aus Designsicht wirklich Potential. Leider gibt es durch die wirklich starke Fragmentierung der aktuell vorhandenen Android-Systeme noch immer viele Apps für die Vorgängerversionen im Play Store. Sie funktionieren, soweit ich das bisher erlebt habe, auch auf meinem System tadellos, weisen aber den einen oder anderen Bruch in der Nutzerführung auf.

So gesellt sich dann zum Beispiel in die Softkey-Leiste ein viertes Icon, hinter dem sich ein Menü versteckt, das unter Android 2.3.x so vorgesehen war. Das ist schade, ich würde mir wünschen, dass sich mehr App-Entwickler einen guten Designer dazu holen und ihre App schnellstmöglich auf das aktuelle Android umstellen, natürlich unter Beachtung der oben erwähnten Android-Guidelines.

Und jetzt?

Von einem Spiel wurde ich aufgefordert, ja nahezu gezwungen, auf Android umzusteigen und nach einer holprigen Eingewöhnung werde ich tatsächlich vorerst dabei bleiben. Am Horizont hat sich jedoch bereits iOS 7 angekündigt. Die angekündigten starken Designänderungen gefallen mir, trotz aller Kinderkrankheiten, auf den ersten Blick sehr gut. Und wer weiß, vielleicht bin ich mit dem neuen iPhone und einer Ingress-App für iOS schon im Herbst wieder iOS User. Ein Interactive Designer sollte auf allen aktuellen Plattformen zuhause sein.

So, ich muss los, in der Nähe gilt es, ein Portal zu hacken!

// kurz und teilbar //
Ein Interactive Designer wechselt das mobile Betriebssystem und macht einige überraschende Entdeckungen, die Designer und Entwickler bedenken sollten.


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