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Was ist Identität?

Jedes Jahr veranstaltet die Account Planning Group Deutschland die Open Source – ein Treffpunkt für die deutsche Strategen- und Plannerszene. 2014 mit dem Schwerpunkt „Identität – das ich in uns“.

Rückblick auf die APG Open Source 2014

Die 200 Gäste in Hamburg bekamen weit mehr geboten, als nur Definitionen von Identität, sondern Geschichten über gesellschaftliche, individuelle und wirtschaftliche Erfahrungen der Redner. Es war inspirierend, überraschend und irgendwie auch aufklärend. Dieser Beitrag ist mein Versuch, das Gehörte so gut es mir möglich ist, hier für Interessierte wiederzugeben.

Identität? Etwas, was uns alle beschäftigt, wonach wir streben, worin wir uns verändern, worin wir Orientierung suchen und zu neuen Ufern aufbrechen. Und Identität auch als ein gesellschaftlicher Faktor, der unser Zusammenleben bestimmt – wie wir miteinander umgehen, welchen Menschen wir uns zu- und abgeneigt fühlen, wen wir als Vorbild sehen oder wen wir meiden. Und Identität nicht zuletzt auch als etwas, dass Kommunikation und Werbung beeinflusst, jedoch durch sie auch beeinflusst wird. Kurz: Es ist so spannend, diesem Themenfeld einmal 10 Minuten Aufmerksamkeit zu schenken – ich verspreche – ihr werdet es nicht bereuen.

APG Open Source 2014

Im Spiegel der Gesellschaft

Aus dem Blickwinkel eines körperlich-eingeschränkten Menschen – wie Raul Krauthausen – ist die Identität stark durch den Spiegel der Gesellschaft geprägt. Wie sehr wünscht er sich, nicht als Figur des Mitleids wahrgenommen zu werden. Er ist in den meisten Lebenslagen ein Mensch wie jeder andere, nur wird er so nicht behandelt: Nicht von Mitbürgern, nicht von Mediaplanern und auch nicht von Journalisten. Dabei sieht Raul einen grundlegenden Fehler im Umgang mit Behinderung – einen Fehler im Bewusstsein. Wir erachten Behinderte als eine seltene Erscheinung neben dem „idealen“ gesunden Menschen, doch dem ist nicht so. Wir kommen alle behindert (also mit eingeschränkten Fähigkeiten und bevormundet) auf die Welt, einige (sehr) wenige Menschen schaffen dann zwischen 15-55 Jahren ein Leben ohne Einschränkung, bevor uns Körper und Geist wieder wortwörtlich behindern. Deshalb, so Raul, ist Behinderung das neue Normal. Und für behinderte Menschen ist vor allem dieses gesellschaftliche Bewusstsein identitätsstiftend – positiv wie negativ. Deshalb sollte jeder von uns sein schwarz-weiß-Denken kritisch hinterfragen.

Schwarz – Weiß | Mann – Frau

Für mehr Grautöne kämpft auch Dr. Stevie Schmiedel. Sie setzt sich dafür ein, dass unser Geschlechterrollenverständnis in der Gesellschaft offener wird. Aktuell denken wir noch in rosa und blau; in Frauen und Männertoiletten. Dabei ist unser geschlechtsspezifisches Identitätsverständnis keineswegs so eindeutig.

Das zeigte Vincent Beringhoff in seinem bemerkenswert persönlichen Beitrag: Er stellte uns die vier Dimensionen der Gendereinordnung vor: Bewusstsein, Ausdruck, Biologie & Sexualität. Und anhand seiner eigenen Vergangenheit zwischen Frau und Mann zeigte er, wie viele Grautöne doch zwischen Mann und Frau liegen. Dass Transsexualität mehr zwischen den Ohren als zwischen den Beinen „stattfindet“. Dass bei einer Geschlechtsumwandlung nicht immer alle möglichen Operationen durchgeführt werden. Und wie wichtig der Stimmbruch für das neue Bewusstsein als Mann ist. Danke Vincent für den Einblick in das Grau zwischen Mann und Frau.

Zurück zu Stevie und ihrem gesellschaftlich-wissenschaftlichen Blick auf die Dinge: Erstaunlicherweise ist nämlich kein Kind besonders emphatisch (rosa) oder besonders systematisch (blau), wenn es auf die Welt kommt. Doch bereits nach einem Jahr Einfluss der Umwelt ändert sich das – wissenschaftlich nachgewiesen. Die Gesellschaft prägt unser Rollenverständnis – Eltern, Medien und Werbung und nunja, jeder von uns in seinem privaten und beruflichen Wirken. Doch dabei erziehen wir ein Genderbild, dass Identitäten ins Wanken bringt und verändert. Eines, dass dazu führt, dass sich 47% der Frauen in ihrem Körper unwohl fühlen. Die Perversität im Gendermarketing kommt jedoch nicht nur von 90-60-90 Modelmaßen, sondern ist auch in jedem Spielzeug- oder Klamottenladen für Kinder erkennbar. Rosa, blau. Schwarz, weiß. Wir alle sollten für mehr Grau kämpfen…

Sozialismus in Schwarzgelb

Farbwechsel: Die Dortmunder Südtribüne im Westfalenstadion – ein identitätsstiftender Ort für 25.000 Menschen. Doch nicht der Beton unter den Füßen vereint die Menschenmasse, sondern das gemeinsame Ziel und die Abgrenzung zum Gegner auf Rängen und Rasen. Und in der Anonymität der 25.000 eng beieinander stehenden Menschen sind ganz neue Verhaltenszüge des Einzelnen zu erkennen. Mindestens für diese 90 Minuten, aller zwei Wochen auf der Südtribüne – so porträtierte der Dokumentarfilmer Klaus Martens die Fanszene des BVB.

Die Öffentlichkeit verliert auf der auf der größten Stehplatztribüne Deutschlands ihre Rolle als Kontrollinstanz, v.a. durch den Wegfall der Komfortzone. Aus dem Ich wird ein Uns. Die Fans verzichten auf jede Form der Individualität und Leben den Sozialismus auf Zeit: Einigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit – Herkunft, Geschlecht und soziale Stellung spielen hierbei keine Rolle. Das Erlebnis auf der Betonkonstruktion wird zum gemeinschaftlichen Identitätsstifter.

Ein Phänomen, immer zu beobachten, wenn Menschenmengen mit einem gemeinsamen Zweck für oder gegen etwas vereint sind. Man denke hierbei sowohl an die extremen Ausprägungen (Ultras, Hooligans) als auch auch an sportfremde Ereignisse wie Demonstrationen. Eine farbenfrohe Beschreibung einer möglichen Zweitidentität, die wir wahrscheinlich alle mehr oder weniger ausgeprägt besitzen.

Über Familien und Kinderschuhe

Marke und Produkt Hand in Hand – die größte Herausforderung für die marktorientierte Unternehmensführung. Dr. Johanna Schoenberger erläuterte an Beispielen wie MediaMarkt/Saturn oder Burberry wie komplex und schwierig das Thema ist und zog dann doch ein überraschend einfaches Fazit: Marken und Produkte sind wie Eltern und Kinder – eine Familie. Die Eltern bringen eine eigene Haltung und Vision mit und erziehen ihre Kinder danach. Die Kinder probieren sich jedoch auch aus und erweitern den Horizont der Eltern. Wenn der Familiensinn stimmt, sind alle glücklich.

Apropos Kinder. Der letzte Beitrag von Arne Tensfeldt behandelte das immer populärer werdende Self- Tracking und die Frage, ob uns die Quantifizierung unseres Alltages zu einem besseren Menschen macht. Doch irgendwie steckt das Thema noch in Kinderschuhen: Die Menschen installieren sich ein ‚Google Analytics für das eigene Leben‘, wissen jedoch oft nicht wofür. Für die Feststellung, nachts besser ein Fenster zu öffnen, braucht man keine CO2-Messung im Raum! Wenn wir aber mittels Daten und Selbstbeobachtung bessere Strategien für das eigene Leben entwerfen wollen, müssen wir lernen, die Datensätze zu verknüpfen und klug auszuwerten.

Denn erst wenn Mehrwerte aus der Datenflut gezogen werden, ergibt die Selbstüberwachung Sinn. Doch soweit sind wir noch nicht. Nicht nur, dass uns die Datenanalysten fehlen, die hier Licht ins Dunkel bringen – auch der gesellschaftliche Diskurs über den Sinn- und Unsinn der Selbstüberwachung sollte dringend angefacht werden. Sonst sind wir irgendwann umgeben von lauter Daten ohne Bedeutung und Zweck. Und eine Identität braucht keine Datenlast auf ihrem Schultern, sondern eine passende Entwicklungsperspektive.

Was bewegt euch?

Wie ihr vielleicht merkt, lebt das Thema Identität mehr durch Fragen statt durch Antworten. Und deshalb verzichte ich hier auf eine schließende Formulierung und eröffne die Diskussion mit zwei spannenden Fragen/Thesen, die mir nicht aus dem Kopf gehen:

  • Inwiefern ist überhaupt eine Identität zwischen Mann und Frau in unserer Gesellschaft denkbar bzw. sind diese offenen Geschlechtsinterpretationen gut für die eigene Identitätsentwicklung?
  • Was ist der Grund für geschlechterspezifische Toiletten? Brauchen wir diese Trennung um glücklich austreten gehen zu können? 😉

Ich übergebe das Wort!


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