queo blog

Was, zum Teufel, machen Designer eigentlich?

Im Laufe meiner Berufskarriere bin ich bereits oft auf ein grundsätzliches Problem von Design gestoßen: Die Vorstellung von dem, was wir Gestalter machen, unterscheidet sich maßgeblich von dem, was Nicht-Designer denken, was wir tun.

DesignverständnisDas ist ein Problem, weil die Erwartungen an Zeitaufwände und Preise hier oft maßgeblich auseinandergehen. Den geforderten Aufwand zu entlohnen, trifft bei Kunden dann häufig auf Unverständnis. Stellt sich darüber hinaus die anschließende Bewertung von Gestaltungsergebnissen auch noch als schwierig heraus, sind die Bewertungskriterien von Ästhetik doch eher subjektiv.

Die schnelle Verfügbarkeit von Gestaltungsoptionen speist das Vorurteil, Lösungen und Ideen seien genauso schnell zu entwickeln. Diese Annahme diskreditiert professionell arbeitende Designer, denn auch wenn Gestaltungsideen schnell entstehen können, ist ein substantielles Designkonzept ein aufwändiger Prozess. Unsichtbar für den Endkunden ist die Arbeit, die gemacht werden muss, bevor es an die praktische Umsetzung geht. Konsistente Gestaltungsergebnisse wirken selbstverständlich und oft locker produziert, doch ist es bis dahin ein aufwändiger Weg.

Auf der Suche nach dem Grund für diesen Wahrnehmungsbruch lässt sich ein Problem klar ausmachen: Und zwar die schwammigen Definitionen von Design. Bisweilen denken viele bei „Design“ an „Kunst“ und stellen sich ein gestalterisches Genie vor: Das Ergebnis bereits auf der Netzhaut, braucht er nur noch seinen Bleistift über ein Blatt Papier gleiten zu lassen und liefert ad hoc perfekte Ergebnisse. Schön wär‘s.

Dieser Artikel soll Licht ins Dunkel bringen und klären: Was zum Teufel machen wir eigentlich?

Das Definitionsproblem und seine Folgen

Um ein Gestalter zu sein, muss man schon lange kein Studium der Künste mehr absolviert haben. Zu allem Überfluss ist die Berufsbezeichnung „Designer“ kein geschützter Branchenname und somit kann sich auch jeder Designer nennen.

Der Oberbegriff „Design“ kommt heutzutage inflationär für sämtliche Facetten der Formgebung zum Einsatz. Die Art-Direktorin eines Großkonzerns besitzt somit die gleiche Berufsbezeichnung, wie derjenige, der ihre Nägel lackiert. Das führt schon mal zu Verwirrung und im gemeinen Volk wird der „Designer“ dann schnell als „Schönmacher“ degradiert.

Dies ist für die Wahrnehmung der Gestaltung allerdings mehr als nur ein Schönheitsfehler. Denn mit immer besser werdenden Werkzeugen für die Erstellung von Formen und Bildern fällt es immer leichter, auch für den Laien die Formgebung selbst in die Hand zu nehmen. Auf dem Markt konkurieren bereits jetzt unzählige Freelancer und unterbieten sich mit ihren Angeboten gegenseitig. Darunter leiden nicht nur die Lebenshaltungskosten der Gestalter. Auch die Gestaltung selbst verkommt mehr und mehr zu ihrem eigenen Stereotypen des „Schönmachers“, denn Geld für Analysen und Experimente bleibt hier nicht. Der Berufszweig „Designer“ ist hier schwer in Gefahr und droht in den nächsten Jahrzenten zu einer Farce zu verkommen.

Screen_DesignBuy

Hier zahlt der Auftraggeber knapp 500 Euro für eine Logogestaltung und bekommt dafür 178 Designs von 28 Designern. Das sind nicht einmal 2,80 Euro pro Entwurf. Die Miete kann davon kein Designer bezahlen. Ganz nach der Geiz-ist-geil-Mentalität steht hier Quantität vor Qualität. Eine Fließbandproduktion, die keine ganzheitliche Design-, geschweige denn Unternehmensstrategie verfolgt. Hier wird die Kommunikationskompetenz von Gestaltung nicht erkannt. Designer schaden mit solchen Plattformen also im Grunde nicht nur der eigenen Branche, sondern auch dem Kunden.

Die Sorge um den Ethos ist so alt wie der Beruf selbst. 1964 haben sich 400 Grafikdesigner zusammengeschlossen und das Manifest „First things first“ formuliert. Hier geht es vor allem um den Einsatz der Kompetenzen von Gestaltung, die bis dahin zum Großteil in der Werbeindustrie verankert sind: „We think that there are other things more worth using our skill and experience on.“ Sie versuchen sich dagegen zu wehren, dass das weltweit empfundene Design-Verständnis auf die Markt- und Konsumentenbedürfnisse reduziert wird. In einem zweiten Manifest um die Jahrtausendwende sprechen sie darüber hinaus von „problem solving skills“. Das klingt ganz schön hochtrabend für so ein paar Pixelschubser. Um zu verstehen was damit tatsächlich gemeint ist, hilft es sich vor Augen zu führen, was Designer eigentlich tatsächlich tun, bevor sie den ersten Strich setzen.

Welche Kompetenzen entwickeln Designer, um auch in Zukunft den Beruf des Designers auszuzeichnen?

Inside the black box

Vorneweg eine interessante Beobachtung: Der Gestalter spricht gerne von „Lösungen“, wenn er über das Projekt spricht. Der Auftraggeber von „Farbe“.

Gerade bei komplexen Aufgaben spielt der Designer eher die Rolle eines Netzwerkers zwischen Theorie und Praxis. In erster Linie geht es weniger um Formgebung, sondern vielmehr darum, Mediator zwischen verschiedenen Anforderungen und Parteien zu sein. Hier müssen Kompromisse zwischen Auftraggeber, Nutzer, Medium und Produktion getroffen werden. Schon Peter Behrens, einer der Begründer des modernen Industriedesigns, sah sich in seiner Aufgabe als Architekt auch als „ […]Koordinator, der die Wünsche des Bauherrn und des Benutzers ausgleiche und ausführe. Er wies ausdrücklich jede Absicht zurück, Geschmack von oben aufzudrängen und stimmte mit Gropius überein, daß der Architekt nur für den allgemeinen Plan zuständig sei.“ (Joan Campbell: Der Deutsche Werkbund 1907–1934. Stuttgart 1981, S. 39.)

Die wirkliche Aufgabe der Gestaltung heißt also: Das zu erwartende Ergebniss nutzbar machen. Und das gilt branchenübergreifend für alle Disziplinen — Architektur, Produkt, Print, Interactive, Signage…

  1. Situation/Problem verstehen
  2. Reduktion und Priorisierung
  3. Bedingungen/Möglichkeiten ausloten
  4. Hinzugabe von Elementen, die den Kern unterstützen. Dabei wird dem Umgang mit Semiotik eine besondere Rolle zugesprochen

Hier wird klar: Gestaltung ist keine Hülle. Es handelt sich um Kommunikation. Um das sinnvolle Sichtbarmachen des inneren Kerns. Dabei ist der Begriff „Schönheit“ eher zweitrangig. „When I‘m working on a problem I never think about beauty. But when I‘ve finished, if the solution is not beautiful, I know it‘s wrong.“ (Buckminster Fuller)

Ausblicke – Designentwicklung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging mit der Gründung des Bauhauses die Formulierung einer Designethik einher. Sie folgte dem Anspruch: Form folgt der Funktion. Dies kann man durchaus auch als politische Entscheidung beurteilen, ging es doch um die Vision, durch die industrielle Fertigung klassenübergreifend gutes Design zur Verfügung zu stellen. Gestaltung, die durch Einfachheit und Klarheit überzeugen soll.

In den 70ern hatte auch der deutsche Designer Dieter Rahms über das Konzept nachgedacht und Regeln aufgestellt, nach denen „gutes Design“ zu beurteilen wäre.

Gutes Design ist innovativ.
Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
Gutes Design ist ästhetisch.
Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
Gutes Design ist unaufdringlich.
Gutes Design ist ehrlich.
Gutes Design ist langlebig.
Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
Gutes Design ist umweltfreundlich.
Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

Der Anspruchskatalog lässt sich heute sicherlich noch erweitern. So muss sich der Gestalter heute z.B. nicht nur über das richtige Material Gedanken machen, sondern auch darüber, wo dieses Material herkommt oder unter welchen Bedingungen bestimmte Ressourcen gewonnen worden sind. Faktoren, die durch Globalisierung gewachsen sind und vor hundert Jahren noch überhaupt nicht zur Debatte standen. „Ging es früher noch darum, Luxus für alle zu generieren, geht es heute eher um die Beseitigung von Kollateralschäden.“ (Florian Pfeffer)

In Zukunft werden Gestalter früher in Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden müssen, um nicht nur Hüllen sondern Konzepte und Systeme zu erdenken. Liegt ihre besondere Kompetenz doch darin, grundsätzlich über Lösungswege nachzudenken. Sie gehen in ihrem Berufsalltag mit konkurrierenden Vorstellungen um und kommen auf kreative neue Ideen, um Lösungsansätze zu formulieren. Da wo alte Konzepte nicht mehr greifen, besitzen Gestalter das Potential neue Wege zu gehen — sich Dinge vorzustellen, die es noch nicht gibt. „Kreativität“ kommt aus dem lateinischen Wort „creare“ und bedeutet „schöpfen“, also etwas bisweilen nicht Dagewesenes zu erschaffen.

Langfristig wird die heutige Kategorisierung der unterschiedlichen Designdisziplinen überflüssig. Im Wesentlichen geht es um die Kompetenz, intelligente Verknüpfungen von Funktionen, Daten, Ressourcen und Materialien zu finden.

Resümee

Tatsächlich liegt das Aufgabenfeld des Gestalters zu großen Teilen außerhalb des Zeichenbretts. Ein zeitaufwändiger Orientierungs- und Entwicklungsprozess steht vor der Präsentation der ersten Entwürfe. Design ist eben nicht nur Farbe, sondern macht das Resultat „sinnvoll“. Eine Aufgabe, die 2,80 Euro nicht abdeckt. Um der Bedeutung der Form Ausdruck zu verleihen und das Verständnis in der gemeinen Bevölkerung zu schärfen, müsste (radikal formuliert) die Bauhaus‘sche Formulierung weiterentwickelt werden: Aus „form follows functions“ wird „form is function“.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.