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Eine kurze Geschichte der Gestaltung

Die Entwicklung von Gestaltung im Angesicht von Digitalisierung, Automatisierung und Künstlichen Intelligenzen.

In meinem letzten Blogartikel habe ich über die schwammige Rollendefinition des Gestaltungsberufs gesprochen: Produkt-, Kommunikations- und Modedesign mit dem Begriff „Design“ unter einen Hut zu bekommen empfand ich als unmöglich. Darüber hinaus führt es in der Gesellschaft zu einem bunten Fächer an Erwartungshaltungen gegenüber unserem Berufsstand. Dabei gäbe es gefühlt nur zwei Fähigkeiten, die wir dafür bräuchten: Gut zeichnen und Dinge schön machen können. Doch im Gespräch mit anderen Designern stellte sich raus, dass das, was wir selbst denken, was wir brauchen, etwas ganz anderes ist.

In diesem Artikel soll es weniger um eine oktroyierte Definition gehen oder was andere von uns denken, vielmehr habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Was zeichnet uns als Gestalter aus und wie lassen sich daraus Schlüsse über die Zukunft von Gestaltungsaufgaben ziehen?

Der Designer

Im Gespräch mit anderen Designern habe ich vier Grundeigenschaften ausgemacht, die ein Gestalter bei seiner täglichen Arbeit braucht:

  1. Handwerk: Umgang mit Kreativtechniken/Werkzeugen/Software, sowie das Wissen um Produktionsprozesse.
  2. Ästhetik: Bzw. ein Gefühl für Timing oder Materialität. Je nachdem, in welcher Disziplin man gerade arbeitet.
  3. Kreativität: Es geht um das Verbinden von Elementen, die zu einer neuen Lösung führen.
  4. Empathie: Bedürfnisse und Verhalten von Interessengruppen verstehen und evlt. sogar vorausahnen.

Besonders der handwerkliche Aspekt ist einem ständigen Wandel ausgesetzt. Wir arbeiten heute anders als Designer vor 50 Jahren und Designer in 50 Jahren werden anders arbeiten als wir heute. So wie die industrielle Revolution Auswirkungen auf das Design hatte, führt auch die Digitale Revolution zu einer Evolution unseres Berufes. Neue Soft- und Hardware verdrängt alte Methoden, weil man damit Zeit spart, bessere Ergebnisse liefert und/oder schlichtweg preisgünstiger ist. Und das hat meiner Meinung nach nicht nur damit zu tun, WIE wir arbeiten werden, sondern hat auch Auswirkungen darauf, mit WAS wir uns beschäftigen werden. Um rauszufinden was das sein könnte, muss man sich die Entwicklung mal etwas genauer anschauen:

The grid

Der Computer

Im Angesicht der steten Weiterentwicklungen ist man mit der Frage konfrontiert: Ist es vorstellbar, dass Software irgendwann so gut wird, dass die Steuerung durch einen Designer gar nicht mehr notwendig wird? Ist es vorstellbar, dass Computer gestalterische Aufgaben übernehmen? Teilweise tun sie das bereits:

  • „The grid“ z.B. ist eine künstliche Intelligenz die Internetseiten nach den Bedürfnissen ihrer User erstellt.
  • Mit „stylit“ kann man Animationen mit beliebigen Zeichenstilen belegen und beleben. Selbst Bildbearbeitungen erreichen damit langsam ein Stadium, das für den professionellen Bereich interessant wird. Adobe arbeitet bereits daran diese Software in Photoshop zu integrieren

stylit: Das Programm errechnet aus einer statischen Vorlage Texturen für 3D-Animationen

stylit: Automatisierte Bildbearbeitung.

  • Mit der Hilfe von solidThinking lassen sich Bauteile anhand von Belastungspunkten kreieren, die mit ihrem geringeren Gewicht und ihrer Stabilität punkten.
  • Selbst an Künstlichen Intelligenzen, die menschliches Verhalten voraussagen können sollen, wird gearbeitet. Nicht unbedingt eine gestalterische Fähigkeit, aber eventuell interessant für die Erstellung von User Interfaces (UI).

solidThinking: Inspirationsquelle für Produktdesigner

Aufgaben, die heute noch ein Gestalter übernimmt, könnten in naher Zukunft in Teilbereichen von Automatisierungen unterstützt, wenn nicht sogar übernommen werden. Bisher passive Automatisierungssoftware entwickelt sich zu einem Werkzeug, das eigenständig gestalterische Entscheidungen treffen kann, auf die ein Mensch vielleicht nicht gekommen wäre. Selbst Laien mit einem halbwegs guten Verständnis für Ästhetik wäre es mit geringem Zeit- und Kostenaufwand möglich, mit der richtigen Software zu nutzbaren Ergebnissen zu gelangen. Der Anspruch – wie individuell, raffiniert oder ganzheitlich gedacht diese sind – bleibt damit sicherlich außen vor.

Die Industrielle Revolution hat den Handwerker zum Industriedesigner gemacht. Der technische Fortschritt begünstigte die Automatisierung von Arbeitsschritten. Der Fokus der vom Menschen verrichteten Arbeit verändert sich somit auch. Die Aufgaben entfernen sich mehr und mehr von der Produktion. Bald sind wir also an einem Punkt angelangt, an dem wir uns als Gestalter die Frage stellen müssen: Was macht die Digitale Revolution aus dem Designer, wenn die rein handwerklichen Herausforderungen deutlich zurückgeschraubt worden sind? Die Antwort: Wir konzentrieren uns auf die Bereiche Kreativität und Empathie.

Die Kunst

Bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert muss es ähnlich gewesen sein, als sich die talentiertesten Maler der Welt auf einmal verblüfft ansahen und vor Schreck die Pinsel fallen ließen, als der Fotoapparat erfunden wurde. „Braucht es uns eigentlich noch?“; mussten sie sich damals gefragt haben, „wenn der Fotoapparat unseren Job wegnimmt?“. Während alle anderen noch in Schockstarre die Luft anhielten, war es Paul Klee, der in die Bresche sprang und zu verlauten gab:

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar!“

Puh, Glück gehabt, wir können weiter malen. Aber es hatte sich etwas verändert: Die ungegenständliche Malerei hielt folgerichtig Einzug.

Gemälde von Paul Klee (1879-1940)

Im Design stehen wir nun, meiner Meinung nach, vor einer vergleichbaren Situation. Nach Prof. Wolfgang Henseler wird auch das Design ungegenständlicher. Aus „Graphical User Interfaces (GUI)“ werden „Natural User Interfaces (NUI)“: Mensch-Computer-Kommunikation auf, für den Menschen, „natürliche“ Art. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Wischgeste am Smartphone. Hier hat man nicht etwa mehr einen Knopf, sondern gleich eine ganze Bewegung als Ausgangspunkt für die Navigation genommen. Weitergesponnen umfasst NUI Smarthouses in denen Bewohner wie Zauberer mit Worten und Gestik durch ihre Heime tänzeln und den Dingen gebieten. Gestaltet wird hier also nicht mehr eine Grafik sondern Verhalten.

Zusammenfassend kann man also sagen: Die primäre Frage für den Designer ist also nicht mehr „Wie müssen  Dinge aussehen?“, sondern „Wie gehen Menschen mit Dingen um?“.

Der Ausblick

Algorithmen werden Arbeitsschritte in den Bereichen Ästhetik und Handwerk vereinfachen. Einzelne Personen können dadurch in weniger Zeit mehr Arbeitsschritte eigenständig umsetzen. Designer werden vom Musiker zum Dirigenten. Weitere Designprofessionen werden sich entwickeln, die die Verflechtung zwischen Digital und Analog perfektionieren. Wir dürfen uns in Zukunft hoffentlich mehr auf Arbeit freuen, die unsere kreativen und empathischen Potentiale fordert. Eine Aufgabe, die uns Maschinen bisweilen nicht abnehmen können.

Don Norman sieht in seinem Manifest „DesignX: A Future Path for Design“ den Gestalter künftig sogar in Arbeitsbereichen wie Gesundheits-, oder Verkehrssystemen. Designer arbeiten dann als Vermittler zwischen fachfremden Werken und versuchen so kreative neue Lösungsansätze zu erarbeiten:

„DesignX designers must work closely with people from many disciplines, buiding upon their knowledge and methods, applying whichever method is most effective for the problem at hand, negotiating the multiple constraints, interests, and differing perspectives of all the participants“.

Gestalter sind für diesen Aufgabenbereich gut geeignet, schließlich sind sie täglich damit konfrontiert, Übersetzer zwischen Auftraggeber, Rezipienten und Produzenten zu sein. Sie sind trainiert darin, sich immer wieder in neue Arbeitswelten einzudenken, zu verstehen und zu vermitteln, abzuwägen und im Idealfall kreative neue Lösungsansatz zu realisieren. Wir gestalten dann also nicht mehr Dinge, die schon da sind. Wir brechen hier in eine neue Welt auf, in der wir Systeme gestalten, damit sie besser funktionieren.

Wenn Euch in Zukunft im Angesicht der drohenden Digitalisierung jemand fragt „Was macht ihr dann eigentlich noch?“ könnt ihr also locker bleiben und antworten: „Design gibt nicht das Mögliche wieder, sondern macht möglich.“


One thought on “Eine kurze Geschichte der Gestaltung

  1. Schön geschrieben 🙂 Ich würde das noch etwas abstrahieren und behaupten, dass die Aufgabe eines Designers darin besteht, „gute“ Entscheidungen zu machen. Design ist dann im Grunde eine Reihe von guten Entscheidungen, die ein bestimmtes Ziel haben. Um diese Entscheidungen zu treffen zu können braucht man dann die Kreativität, Empathie etc.

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